Beverungen (red). Mit dem Solo-Stück „Prima Facie“ hat Schauspielerin Katharina Schüttler in Beverungen einen intensiven Theaterabend gestaltet, der das Publikum gleichermaßen fesselte und verstörte. Die Inszenierung, die bereits mit dem Theaterpreis Hamburg ausgezeichnet wurde, setzte ganz auf die Kraft von Sprache und Darstellung – und verlangte den Zuschauerinnen und Zuschauern einiges ab.
Auf nahezu leerer Bühne, lediglich ergänzt durch eine rote Treppenkulisse, stand Schüttler allein im Zentrum des Geschehens. In der Rolle der erfolgreichen Strafverteidigerin Tessa Ensler entfaltete sie eine vielschichtige Geschichte über Recht, Macht und persönliche Grenzerfahrungen. Die gebürtige Kölnerin, bekannt für intensive Rollen in Film, Fernsehen und Theater, blieb auch hier ihrem Stil treu und verkörperte eine Figur in einer extremen Ausnahmesituation.
„Prima Facie“, geschrieben von der australischen Autorin Suzie Miller, greift einen zentralen Konflikt des Sexualstrafrechts auf. Der Begriff „prima facie“ bedeutet „dem Anschein nach“ und beschreibt eine juristische Bewertung, bei der aufgrund typischer Abläufe auf einen Sachverhalt geschlossen wird. Genau hier setzt die Kritik des Stücks an: Wenn der äußere Eindruck auf Einvernehmlichkeit hindeutet, wird es für Betroffene sexualisierter Gewalt nahezu unmöglich, eine Tat zu beweisen.
Hauptfigur Tessa Ensler nutzt diese Logik zunächst selbst erfolgreich im Gerichtssaal, bevor sie nach einem eigenen Gewalterlebnis die Perspektive wechselt. Obwohl sie die Mechanismen des Systems genau kennt, entscheidet sie sich für eine Anzeige – und durchlebt den belastenden juristischen Prozess am eigenen Leib. Damit wird das Stück zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit strukturellen Schwächen des Rechtssystems.
Reduzierte Inszenierung verstärkt Wirkung
Regisseurin Milena Mönch verzichtete bewusst auf zusätzliche Effekte oder Nebenfiguren. Stattdessen verlagerte sie das Geschehen konsequent in die Vorstellungskraft des Publikums. Diese minimalistische Herangehensweise verhinderte eine Überinszenierung und schuf Raum für ein intensives „Kopfkino“, das sich im Verlauf des Abends immer weiter verdichtete.
Was zunächst beinahe leicht und unterhaltsam begann, entwickelte sich im Laufe der rund zweistündigen Aufführung zu einem packenden Justizdrama. Schüttler gelang es, allein durch Mimik, Gestik und Sprache eine enorme Spannung aufzubauen und die innere Zerrissenheit ihrer Figur eindrücklich zu vermitteln.
Beklemmung vor dem Applaus
Die Wirkung des Stücks zeigte sich besonders am Ende des Abends: Nach dem Schlussmoment herrschte zunächst Stille im Saal. Das Publikum brauchte Zeit, um die beklemmenden Eindrücke zu verarbeiten, bevor die Würdigung der schauspielerischen Leistung einsetzte. Schließlich erhoben sich die Zuschauerinnen und Zuschauer und spendeten langanhaltenden stehenden Applaus.
Ausblick auf die nächste Aufführung
Zum Abschluss der Abo-Saison ist am 13. April, 20 Uhr, das Figurentheater Bühne Cipolla aus Bremen in Beverungen zu Gast. Gezeigt wird „Dr. Fischer aus Genf oder die Bomben-Party“ nach dem Roman von Graham Greene. Karten sind im freien Verkauf erhältlich. Weitere Informationen bietet die Kulturgemeinschaft Beverungen online unter www.kulturgemeinschaft-beverungen.de.
Foto: Kulturgemeinschaft Beverungen